An den eisamen Ufern des Simssees

Einsam liegt er da im schwermütigen Frühlingsabend, der einsamste aller unserer Seen. Im Schnee des Winters steht noch die Reihe der Alpen, aber die warme Abendsonne hat die tiefen Decken in funkelnde Ströme von Rosenquarz verwandelt. In den Wäldern verhallen helle Stimmen, Vögel kreisen über den öden Wassern und auf den Schneegiebeln wird die Glut langsam dunkler.

Vor fünf Minuten begegnete mir einarmes Weib, welches bitter klagte. Der obere Teil des Sees ist nämlich noch leicht zugefroren, aber es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, über die gebrechliche Decke zu gehen. Dem Weib aber, das von Pietzing nach Stephanskirchen gehen sollte, machten die Bauern weis, es sei keine Gefahr. Sie ging, aber unter welchen Ängsten! Ihr Gesicht war noch totenbleich, als sie mir sagte: Sie haben mich aufs Eis "gestimmt" (genarrt). So machen es die Menschen.

Nur an weinigen Stellen sind Lücken, durch die der Eisenbahnreisende die öde Fläche des Sees überschauen kann. An seinem Strande wohnt niemand. Die nächsten Niederlassungen sind auf den Uferbergen, die vierhundert Fuß höher sind als der Wasserspiegel. Kein Ruf - kein Fischerboot - kein Geläute, nichts, was an Menschen erinnert. Die einsamkeit des Sees ist unter den Bauern fast sprichwörtlich geworden. So hörte ich einal mehr als fünzehn Meilen von seinen Ufern entfernt einen Floßknecht sagen:
»Du, woaßt es schon, am Ammersee bauens jetzt a Dampfschiff.«
»Warum nit glei auf'm Simssee?« erwiederte der andere.

Wer wirklich Einsamkeit sucht, der kann hier eine willkommene Zufluchtsstätte finden, aber ein beliebter Landaufenthalt werden diese Ufer nie werden.

Am See gibt es keine Straße außer dem Schienenweg, der aber keine Haltestelle hat. Ich habe in Stephanskirchen, dem bedeutendsten Ort in der Nähe, übernachten wollen, konnte es aber nur mit Mühe erreichen, daß ich ein Bett erhielt, wie ich seit meiner Reise an der bosnischen Militärgrenze kines mehr zu Gesicht bekommen habe. Die guten Leute haben nur das einfache Wirtshausrecht und dürfen niemand über Nacht behalten. Wenn einer so etwas im halbwilden Ungarn erzählte, so lachte ihn dort jeder aus, aber im freien Bayern, wo einer, der seine Hände bewegen will, an hundert Sticken zerren muß, findet das der konstitutionelle Staatsbürger vollständig in Ordnung.

»Was geits denn ge?« wird einem Wanderer um sieben Uhr abends von Schlaftrunkenen zugerufen, wenn er an die verschlossene Tür des Gasthauses in diesem Orte pocht.

Ich habe während meines Aufenthaltes dort nicht viel Schönes gehört. Ein Ehepaar der Umgegend hatte den Vater des Mannes, einen Austrägler, so lange hungern lassen, bis er sich aufhängte. Dagegen machte ich die Bekanntschaft eines Ehrenmannes, von dem mir ein Bauer sagte: dös waar a rechta Boar. Dieser echte Bayer war ein unübertrefflicher Eisschießer, ein noch besserer Wildschütz und Raufer. Bier trank er wenig, dagegen konnte er dreißig Paar Bratwürste auf einen Sitz verzehren. Drei, vier Halbmaß Schnaps machten ihm nichts. Es ist überhaupt ein Vorurteil, wenn manche meinen, das Landvolk sei stark im Biertrinken. Das Bier ist ihnen »z'wax«, das heißt, zu teuer - nämlich um einen Rausch zu bekommen. Aber im Essen sind sie außerordentlich.

Sonst fand ich oft in dieser Gegend, weiter von der Eisenbahn ab, ein gedrücktes, scheues Wesen unter den Leuten. Der Fremde ist, was sonst in Oberbayern zu den Seltenheiten gehört, vor Rohheiten nicht ganz sicher. Schnaps und harte Arbeit bei nicht entsprechender Nahrung helfen zusammen, um aus diesem ohnehin nicht gut angelegten Schlag unangenehme Gesellen hervorzubringen.

Heinrich Noe, 1865